Informationen über Aussagepsychologie

Die Aussagepsychologie ist ein Teilbereich der forensischen Psychologie, der sich mit der Analyse und Bewertung von Zeugenaussagen beschäftigt. Sie spielt eine zentrale Rolle in der Rechtsprechung, da sie hilft, die Glaubhaftigkeit von Aussagen zu beurteilen und damit zur Wahrheitsfindung beizutragen. In diesem Artikel finden Sie Informationen zu den Grundlagen, Methoden und der praktischen Bedeutung der Aussagepsychologie.

Grundlagen der Aussagepsychologie

Die Aussagepsychologie beschäftigt sich mit der Frage, unter welchen Bedingungen eine Aussage als glaubhaft einzustufen ist und welche Faktoren die Erinnerungsleistung und Aussagequalität beeinflussen können. Sie untersucht, wie Menschen Erlebnisse erinnern, berichten und ob dabei Verzerrungen oder bewusste Falschaussagen vorliegen.

Ein zentrales Konzept ist die Unterscheidung zwischen Wahrnehmung, Speicherung und Abruf von Erinnerungen. Menschen nehmen Ereignisse subjektiv wahr, speichern sie individuell ab und rufen sie je nach Kontext unterschiedlich ab. Dabei können Fehler auftreten, etwa durch Suggestion, Vergessen oder bewusste Manipulation.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Unterscheidung zwischen absichtlichen Lügen und unbewussten Verfälschungen. Während Lügen meist zielgerichtet sind, können Erinnerungsverfälschungen auch durch psychologische Mechanismen wie den Misinformationseffekt (Beeinflussung durch nachträgliche Informationen) entstehen.

Methoden der Aussagepsychologie

Die Aussagepsychologie verwendet verschiedene wissenschaftliche Methoden, um die Glaubhaftigkeit einer Aussage zu überprüfen.

Merkmalsorientierte Inhaltsanalyse

Die merkmalsorientierte Inhaltsanalyse ist eine der bekanntesten Methoden zur Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Aussagen. Sie wurde im Rahmen der Statement Validity Analysis (SVA) entwickelt und umfasst folgende Hauptkriterien:

  • Detailreichtum: Wahre Aussagen enthalten oft mehr Details als erfundene.
  • Ungewöhnliche Details: Berichte über real erlebte Ereignisse enthalten oft unerwartete und spezifische Informationen.
  • Einräumen von Erinnerungslücken: Zeugen, die sich an echte Ereignisse erinnern, geben oft zu, dass sie sich nicht an alles erinnern können.
  • Spontane Korrekturen: Eine Person, die die Wahrheit sagt, korrigiert sich oft selbst, wenn sie erkennt, dass sie sich geirrt hat.
Die merkmalsorientierte Inhaltsanalyse ist besonders relevant bei Aussagen von Kindern oder in Fällen sexuellen Missbrauchs, in denen oft keine direkten Beweise vorliegen und somit Aussage gegen Aussage steht.

Realitätsüberprüfung (Reality Monitoring, RM)

Die Realitätsüberprüfung unterscheidet zwischen tatsächlich erlebten Ereignissen und erfundenen oder falsch erinnerten Erlebnissen. Dabei werden Merkmale wie sensorische Details (Geräusche, Gerüche) oder kontextuelle Informationen (Zeitpunkt, Umgebung) analysiert. Erinnerungen an real erlebte Ereignisse enthalten meist mehr Sinneseindrücke als erfundene Geschichten.

Befragungstechniken

Eine weitere wichtige Methode ist die Anwendung geeigneter Befragungstechniken. Die kognitive Interviewtechnik wurde entwickelt, um die Erinnerungsleistung zu maximieren, indem sie den Zeugen dazu anregt, sich so detailliert wie möglich an das Geschehen zu erinnern. Dazu gehören Techniken wie:

  • Mentales Zurückversetzen in die Situation
  • Erzählen aus einer anderen Perspektive
  • Wiederholung der Reihenfolge des Erlebten in umgekehrter Reihenfolge
Diese Methoden helfen, Suggestion zu vermeiden und die Qualität der Aussagen zu verbessern.

Einflussfaktoren auf die Aussagequalität

Die Qualität einer Zeugenaussage kann durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden:

Individuelle Faktoren

  • Alter: Kinder und ältere Menschen haben oft eine geringere Erinnerungsgenauigkeit.
  • Emotionale Belastung: Hohe emotionale Erregung kann sowohl die Erinnerungsleistung verbessern als auch verzerren.
  • Suggestibilität: Manche Menschen sind leichter durch suggestive Fragen oder Informationen von außen beeinflussbar.

Situative Faktoren

  • Dauer des Ereignisses: Kürzere oder plötzliche Ereignisse werden oft weniger genau erinnert.
  • Beleuchtung und Wahrnehmungsbedingungen: Schlechte Sichtverhältnisse erschweren eine korrekte Wahrnehmung.
  • Stress und Angst: Starke Angst kann Erinnerungen sowohl intensivieren als auch verzerren.

Externe Beeinflussung

  • Medienberichte: Informationen aus den Medien können sich in die Erinnerung mischen.
  • Befragungstechniken: Suggestive Fragen können die Erinnerung unbewusst verändern.
  • Autosuggestion: Intensive eigene Beschäftigung mit einem Thema kann die Erinnerung unbewusst verändern.

Praktische Bedeutung von aussagepsychologischen Gutachten

Die Aussagepsychologie hat eine große Bedeutung für die Justiz, insbesondere im Strafrecht, wenn Aussage gegen Aussage steht. Sie hilft, Fehlurteile zu vermeiden, indem sie die Qualität von Zeugenaussagen prüft.

Grenzen der Aussagepsychologie

Trotz wissenschaftlicher Methoden gibt es Grenzen. Kein Verfahren kann eine einhundertprozentige Sicherheit über die Wahrhaftigkeit einer Aussage garantieren. Zudem bleibt das Problem der individuellen Unterschiede in der Erinnerungsfähigkeit.

Ein weiteres Problem ist die mögliche Beeinflussung durch Ermittler oder Gerichte, die unbewusst Erwartungen an eine Aussage haben. Deshalb ist eine objektive und wissenschaftlich fundierte Analyse und ein spezialisierter Anwalt entscheidend. Dennoch ist die Aussagepsychologie die einzige wissenschaftlich fundierte Methode der Rechtsprechung, um die Glaubhaftigkeit von Aussagen zu bewerten.